Rekruten bewarfen einen Tessiner Kameraden mit Steinen und Nüssen. Immer wieder sorgen Fälle von Mobbing und Schikanen für Schlagzeilen.

Ein Video, das das Tessiner Fernsehen RSI am Dienstag veröffentlichte, zeigt einen Rekruten, der von seinen Kollegen mit Steinen und Nüssen beworfen wird. Laut dem Bericht haben die fünf Deutschschweizer Rekruten auf Befehl des Vorgesetzten gehandelt. Das Opfer stammt aus dem Tessin. Die Schweizer Militärjustiz von Thusis startete eine vorläufige Beweisaufnahme in der Sache. die Militärkompanie befindet sich momentan in Graubünden.

Die Szene, die auf dem Video zu sehen ist, habe sich bereits am 14. September in Emmen in der Flab RS 33 ereignet. Der Vater des Rekruten hat sich an RSI gewandt. Der Sender habe am Dienstag Abend beschlossen, dieses Video zu zeigen, danach ging es sofort viral. Der Vater sagt, es sei nicht die einzige Schikane gewesen, die sein Sohn habe erleiden müssen.

Das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) hat am Dienstagmorgen über den Vorfall getwittert: Die Armee akzeptiere keine körperliche Züchtigung. Der Chef der Armee werde die betroffene Rekrutenschule besuchen.

Ähnliche Fälle sind immer wieder in den Schlagzeilen. 2013 etwa büsste die Militärjustiz einen Kompaniekommandanten mit 500 Franken, weil er ein Ritual autorisierte, bei dem Soldaten unter anderem Katzenfutter und verfaulten Fisch essen mussten. Die damaligen Kommandanten der Panzergrenadier-Einheit verurteilte die Militärjustiz zu einer bedingten Geldstrafe von sechs Tagessätzen à 160 Franken.

Katzenfutter essen

Der Ekel-Befehl war Teil der sogenannten «Hamburgertaufe», die die Soldaten im September 2011 am Kompanieabend auf dem Waffenplatz im jurassischen Bure veranstalteten. Die Taufe ist ein Aufnahmeritual für Soldaten, die ihren ersten Dienst absolvieren und so «willkommen geheissen» werden. Neue Soldaten sollten Katzen-Trockenfutter und verfaulten Fisch essen und viel Alkohol dazu trinken – viele Soldaten mussten sich übergeben.

Der Ablauf des Kompanieabends wurde vom Kommandanten genehmigt. Auch wenn der Anlass von der Mannschaft organisiert worden sei, hätte der Kompaniekommandant Einfluss auf das Geschehen nehmen können, hiess es im Schuldspruch. Mit dem Ritual sei die Armee in ihrem Ansehen geschädigt worden.

Die «Penis-Taufe»

Ein weiterer Vorfall ereignete sich in der Truppenunterkunft in Elm GL. Dort hatten im Juni 2014 sieben Rekruten zwei ihrer Kollegen gefesselt und misshandelt. Sie wurden wegen Angriffs und Freiheitsberaubung und Nötigung verurteilt, wie der Blick berichtete. Der Strafrahmen reichte von 140 Tagessätzen zu 110 Franken bis zu zehn Tagessätzen à 120 Franken.

Die Täter hatten ihre Opfer in der besagten Nacht mit Kabelbindern und reissfestem Klebeband ans Kajütenbett gefesselt und schlugen ihnen in den Bauch. Die Quälerei wurde von den Tätern gefilmt. Laut Anklage vollzog einer der Rekruten gegenüber dem Opfer eine «Penis-Taufe». Das bedeutet, dass er seinen nackten Penis über den Kopf des Gefesselten hielt. Eines der Opfer erklärte, es sei von den Beschuldigten aus Rache attackiert worden, weil er einen anderen Rekruten in Schutz genommen habe. Das zweite Opfer aus dem Tessin konnte sich nicht erklären, weshalb es ins Visier seiner Kameraden geraten war.

«Ich wollte nicht als Schwächling gelten»

In der Armee war R. B.* nicht Mobbing-Opfer, sondern befand sich unter den Tätern. Er ging in Birmensdorf ZH in die RS. «Die Truppe war cool bis auf einen, der wollte sich nicht anpassen», sagt B. «In einer Nacht haben wir uns Gasmasken übergezogen und ihn überrascht. Er wurde von uns nackt ausgezogen und komplett mit Schuhcreme eingeschmiert. Dann befestigten wir seine Hände mit Handschellen am Bett und stellten ihn nackt nach draussen.»

Warum er mitgemacht habe? «Damals hatte ich Angst, als Schwächling zu gelten», sagt er heute. «Ich wollte nicht selbst zum Aussenseiter werden.» Heute würde er es nicht mehr tun, gibt B. zu. «Das Opfer war ein junger Mann, der sich nicht integrieren konnte und am Militär keinen Spass hatte. Heute weiss ich, dass er einfach kein Selbstvertrauen hatte und zu wenig Kraft für das Militär. Ich würde versuchen, ihm zu helfen, und ihn unterstützen», sagt B.

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